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Die Affäre «Kinder der Landstrasse»

Ausgehend von einem Bericht des Schweizerischen «Beobachters» im Jahre 1972 geriet Pro Juventute Mitte der 70er Jahre durch die beginnende Aufarbeitung des 1973 beendeten «Hilfswerkes für die Kinder der Landstrasse» ins Zentrum der Kritik. 1992 drehte Urs Egger einen gleichnamigen Film zu diesem Thema.

Von 1926 bis in die 70er Jahre wurden im Namen des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse» mindestens 600 (manche Quellen sprechen von über 2'000) Kinder von Fahrenden von ihren Eltern und Familien getrennt.

Fahrende Eltern galten als unfähig Kinder zu erziehen und das Sorgerecht wurde ihnen entzogen.

Die Kinder wurden in Waisenhäuser oder Erziehungsanstalten gesteckt, in psychiatrische Anstalten eingewiesen oder in Gastfamilien untergebracht. So gerieten viele von ihnen an wenig zimperliche Leute, deren Vorurteile gegenüber Fahrenden eine schlechte Behandlung rechtfertigten. Sie wurden Mägde und Knechte auf Bauernhöfen, oder als billige Arbeitskräfte in Fabriken und im Dienstleistungsgewerbe ausgenutzt. Die meisten Kinder haben ihre Familien nie wieder gesehen.

Initiant des Pro-Juventute-Hilfswerks war der Romanist Dr. Alfred Siegfried. «Kinder der Landstrasse« erfuhr finanzielle Unterstützung durch den Bund, die Kantone, durch Gemeinden und durch viele private Spender. Auch moralisch wurde das Projekt von einer breiten Öffentlichkeit getragen. Weder die Auswirkungen noch die Finanzen des Hilfswerks wurden je einer Kontrolle unterzogen. So fraglos war, dass hier ein gutes Werk verrichtet wurde.

Die von Dr. Siegfried geäusserte Ansicht war deutlich: «...es gibt in der Schweiz eine ganze Anzahl nomadisierender Familien, die jahraus, jahrein das Land durchstreifen, Kessel und Körbe flickend, bettelnd und wohl auch stehlend, wie es gerade kommt; daneben zahlreiche Kinder erzeugend, um sie wiederum zu Vaganten, Trinkern und Dirnen heranwachsen zu lassen. Vagantentum, Trunksucht, Unsittlichkeit und unbeschreibliche Verwahrlosung sind bei ihnen heimisch ... Wer die Vagantität erfolgreich bekämpfen will, muss versuchen, den Verband des fahrenden Volkes zu sprengen, er muss, so hart das klingen mag, die Familiengemeinschaft auseinanderreissen. Einen anderen Weg gibt es nicht...» Für die Kultur der Fahrenden war diese Politik der Zwangssesshaft-Machung verheerend.

Alfred Siegfried war ursprünglich Gymnasiallehrer in Basel, verlor seine Stellung aber wegen pädosexuellen Umgangs mit einem seiner Schüler. Er wurde zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt. Das darüber vereinbarte Stillschweigen der zuständigen Basler Behörden und die fehlende Kontrolle ermöglichten es Dr. Siegfried, über Jahrzehnte unangefochten als Vormund und «Guter Götti» über Hunderte von Kindern zu verfügen.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit hat Pro Juventute ab Mitte der 80er Jahre diskret Entschädigungen an wenige Opfer gezahlt. Mehr ein Schweigegeld als eine Wiedergutmachung.

Die Urheber und Verantwortlichen des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse» wurden nie zur Verantwortung gezogen.

1998 erschien der Leimgruber-Meier-Sablonier Bericht, der auf Basis von bislang der Öffentlichkeit noch nicht zugänglichen Archiven alle Facetten der Affäre beleuchtete. Erst daraufhin entschuldigte sich Pro Juventute und der Bund pauschal bei allen Fahrenden. Hier endet die Geschichte. Es gab keine Konsequenzen, weder personeller noch juristischer Natur.